1.Mai
Der erste Mai ist auch in der Tuerkei ein ArbeiterInnendemonstrationstag. Im Jahr 1977 kam es bei einer Demonstration anlaesslich dieses Tages zu mir bisher nicht ganz klaren Vorfaellen. Als gesicherte Information darf einzig betrachtet werden, dass es am Taksim-Platz stattfand und dass ueber 30 Tote die Folge waren. Die meisten Geruechte ranken sich um Heckenschuetzen, die von den Umliegenden Hochhaeusern schossen, es geht auch die Legende, es waere zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demo gekommen, bei denen beiderseitig geschossen wurde. Ich werde auf jeden Fall weiter dazu recherchieren. Seit diesem Tag jedoch sind Demonstrationen auf dem Taksim verboten und die Polizei setzt dieses Verbot auch sehr restriktiv durch. Sie ist 24 Stunden jeden Tag des Jahres dort praesent, um Versammlungen sofort zu bemerken und mit dem dort stationierten Raeumpanzer und der mitgefuehrten Bewaffnung zu unterbinden.
In Anbetracht der Tatsache, dass bis heute nicht offiziell klar ist, was genau vor 30 Jahren am Taksim passiert ist, handelt es sich dabei schon um eine Machtdemonstration die vor allem auch provoziert.
Dieses Jahr haben nun einige Gruppen beschlossen, auch um an die Toten von vor 30 Jahren zu erinnern, genau dort zu demonstrieren. 1. Mai - Ich bin am Taksim lautete die Parole. Der erste Mai wird vor allem von kommunistischen und linken nationalistischen Gruppen begangen und aus diesem breiten Umfeld muss sich also auch die Gruppe derer, die nicht an der zentralen, etablierten Großdemonstration in Kadikoey teilnehmen wollten, rekrutiert haben. Wobei ich auch vereinzelt antinationalistische Positionen gehoert habe, aber nicht weiß, inwieweit es sich dabei um Einzelmeinungen handelt. An den verschiedenen verwendeten Formen der Aussagerelativierung merkt man schon, wie schwierig eine Einschaetzung der politischen Lage mit meinem Beobachtungs- und Wissensstand ist.
Am 1. Mai selber gelang es immer wieder Kleingruppen (von bis zu 3000 Leuten) auf den Platz zu kommen und dort zu demonstrieren. Es war sehr interessant zu beobachten, wie sich scheinbare Passanten, durch ploetzliches gemeinsames Klatschen, als Demonstranten zu erkennen gaben. Die Taktik der Polizei war enorme Praesenz und CS-Gas.

Genau das war dann auch in den europaeischen Medien sehr kritisiert worden. Ich kann auch nur bestaetigen, dass dieses Zeug sehr heftig ist, und man durchaus nicht 100% garantieren kann, dass alle ueberleben, wenn man es in eine große Gruppe von Menschen, die sich sehr dicht zwischen 2 Haeuserwaenden draengen, schießt.
Es ist also keine gute Loesung, tamam. Man haette vielleicht versuchen koennen, das Gedenken zu vereinnahmen und eine scheußliche staatliche Veranstaltung mit Polizeiorchester hinzustellen. Aber nehmen wir mal an, man beschließt eine Machtdemonstration und eine Durchsetzung des Veranstaltungsverbotes. Am 1. Mai waren alle Metrolinien gesperrt, die zum Taksim gehen und viele Busse fuhren nicht. Der Stadtverwaltung wird im Nachhinein sehr vorgeworfen, das oeffentliche Leben zum Erliegen gebracht zu haben und es kommen Ruecktrittsforderungen auf. In diese Richtung waere also nicht viel mehr gegangen. Und damit komme ich endlich zu einem der Punkte, die mich seit dem sehr beschaeftigen. In Deutschland ist es so gut wie undenkbar geworden, dass eine Demonstration unkontrolliert und moeglicherweise nur durch Plakate angekuendigt durch die Stadt zieht. Man haette den Tag ueber nicht in Richtung des Platzes laufen koennen, ohne kontrolliert und anhand einer Datenbank klassifiziert zu werden. Es gaebe Platzverweise und ein Computer haette sich all die verwiesenen Personen gemerkt, um sie bei der naechsten Abfrage wieder auszuspucken. Die Polizei haette die meisten “verdaechtigen” Menschen sofort erkannt und unter Beobachtung gestellt. Hier gibt es keine zentrale Datenbank, und Demoteilnehmer, die sich aus allen sozialen Schichten und Altersklassen zusammensetzen, erkennt man erst, wenn sie eben ploetzlich anfangen zu demonstrieren. Das also ist das Szenario aus dem heraus beschlossen wird eine homogene Masse von Polizisten (die im geparkten Zustand tatsaechlich aussiehen wie die aufgestellten Roemergruppen in Asterixfilmen und -Comics) auf eine heterogene Gruppe von Menschen loszuschicken.
Das geschieht dann auch so, dass keine Frage mehr aufkommt, wer sich durchsetzen wird:

Davon bekommen auch wirklich alle Menschen in den Wohnungen und auf der Strasse etwas mit ab. Man kann nicht wirklich nicht involviert sein, keine Meinung dazu haben und das Problem von sich weg weisen.
Da ist nun der springende Punkt: So ist es irgendwie auch nicht gut, mehr Sicherheit fuer die Freiheit der Menungsaeusserung waere angebracht. Aber der Weg, alle Handlungen durch die Polizei zu kontrollieren, Gewalt gezielt gegen einzelne Gruppen und Personen, die man beobachtet und isoliert, anzuwenden und den anderen Menschen das Angebot zu machen kontrollierbar ohne Position zu sein und dafuer nicht mit hereingezogen zu werden ist meiner Meinung nach gefaehrlicher fuer die Freiheit der Meinungsaeusserung, als so laut KrachBumm zu machen. Sicher Sicher, ich weiß wie haesslich das aussieht und sich anfuehlt, aber nicht jeder Weg zu weniger sichtbarer Gewalt und mehr Ruhe muss gut sein und nicht jeder Vergleich mit dem ruhigeren Westeuropa muss fuer dieses ausgehen.
Zu den Demoteilnehmern selber, was kann ich da sagen? Es wurden Parolen fuer die 35 Stunden Woche, fuer mehr Sozialstaat und anderen Gewerkschaftskram gerufen. Das sah alles erst mal sehr links-buergerlich aus. Allerdings bin ich selber noch nicht richtig hinter die feine links-rechts Differenzierung hier durch gestiegen. Innerhalb dieser Arbeiterbewegung jedenfalls kann man einen starken Antiimperialismus - Antiamerikanismus und Antisemitismus beobachten. Die boesen westlichen Kapitalverstrickungen, die sehr viel auch in der EU verortet werden, werden fuer die turbokapitalistischen Zustaende hier in meist sehr plumper verschwoerungstheoretischer Weise verantwortlich gemacht. Das ist jedenfalls auch ziemlich haesslich, aber ich werde zu dem Punkt versuchen noch mehr Menschen in meinem Umfeld zu befragen und weiterschreiben, wenn ich ueber den ersten Eindruck raus bin.
toller beitrag, wirklich sehr informativ.
das auftreten der polizei ist natürlich insofern besser, dass es die solidarität unter den demonstrant_innen steigert, oder ist es vllt eher ein zeichen, dass diese solidarität noch vorhanden ist und das spalten garnicht funktionert, sie also auf die rabiateren methoden angewiesen sind? hm, ich hab keine ahnung, aber echt spannend…
Comment by noergel — May 3, 2007 @ 1:32 pm
Essay über die Türkei und den 1.Mai
wie jelena als Auslandskorrespondentin schon schrieb, hat es auf dem Taksimsquare heftige Auseinandersetzungen mit Demonstranten und der Polizei gegeben. In der "Zeit" gab es letzte Woche einen interessanten Artikel dazu. In dem hieß e…
Trackback by elting`s notizblog — May 7, 2007 @ 3:49 pm